Festschrift 60 Jahre KZBV

31 standsgesellschaft. Während früher eher Füllungen und der Ersatz fehlender Zähne im Vordergrund standen, hat sich in den vergangenen Jahren ein Paradigmenwechsel hin zur Prävention vollzogen. Aber auch Themen wie Komfort und Ästhetik sind mehr und mehr relevant. So gesehen sind wir beständig in der Diskussion, was angesichts des technischen Fortschritts medizinisch notwendig ist und was sich eine Gesellschaft leisten kann und künftig leisten will. Wie hat sich Grundversorgung verändert? Was gehörte früher dazu, was heute? Wir haben uns nach und nach von der reparativen Grundversorgung wegentwickelt. Im Blick zurück lassen sich 60 Jahre Zahn- medizin in Stichworten in etwa so zusammenfassen: Füllungstherapie, chirurgische Therapie, Prothetik … Mit einem wichtigen Urteil des Bundessozialgerichts, nach dem das Fehlen von Zähnen eine Krankheit ist, nahm die Versorgung mit Zahnersatz zu –Goldene Zeiten! sozusagen. Zahnärzte zählten damals zu den stärksten Goldverwendern. Ab Mitte der 70er Jahre wurde der Leistungskatalog der GKV kontinuierlich ausgeweitet: Alles musste für alle verfügbar sein – und alles musste ansprechend aussehen. Das brachte natürlich eine Kostenexplosion mit sich, gefolgt von der Zeit der Kostendämpfungsgesetze. In den 80er Jahren ist dann die Versorgung von Kieferfehlstellungen, also die Kieferorthopädie, hinzugekommen und auch die Parodontologie, das heißt die Erhaltung des Zahnhalteapparates. Dann kam es zu dem bereits genannten Paradigmenwechsel: Prävention statt kurative Zahnmedizin. Seither setzt sich die KZBV für die konsequente Ausweitung der Prophylaxe ein: für Kinder, für Erwachsene und für pflegebedürftige und mobil eingeschränkte Menschen sowie mittlerweile auch verstärkt für die kleinsten Patienten im frühkindlichen Alter von null bis drei Jahren. Das Besondere an der Zahnmedizin ist ja, dass wir zum Teil aktiv beeinflussen können, welche Erkrankung vermeidbar ist. Prävention ist also möglich und zahlt sich für alle Beteiligten aus, insbesondere für die Patienten. Was macht den Anspruch auf Grundversorgung aus? Wie steht es um das Solidarprinzip? Wir bieten den Versicherten in Deutschland auch im europäischen Vergleich eine sehr weitreichende zahnmedizinische Grundversorgung, die von der Solidargemeinschaft getragen wird. Das ist gesellschaftspolitischer Konsens. Die KZBV bekennt sich ausdrücklich zu diesem System. Das war nicht immer so. Lange wollte die Zahnärzteschaft aus diesem System, das von Kostendämpfungsgesetzen geprägt war, aussteigen. Für uns Zahnärzte gilt der Grundsatz, dass jeder Patient die Möglichkeit haben muss, eine für ihn kostengünstige, im besonderen Bedarfsfall sogar kostenfreie Versorgung zu erhalten. Leistungen, die darüber hinausgehen, müssen dann nicht mehr von der Solidargemeinschaft getragen werden. Solidarität bedeutet insofern einerseits: Wer Hilfe benötigt, bekommt eine kostenfreie medizinische Versorgung. Sie bedeutet aber auch, dass jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten alles unternimmt, um gesund zu bleiben, und damit Verantwortung für die eigene Mundgesundheit übernimmt. Denn eines ist auch klar: Wir müssen eine Teilhabe ammedizinischen Fortschritt ermöglichen. Gleichzeitig kann aber nicht alles, was heutzu- tage zahnmedizinisch machbar ist, immer auch von knappen Versichertengeldern bezahlt werden. Wir müssen daher den Leistungskatalog fortlaufend überprüfen: Was ist notwendig, was ist wirtschaftlich – und was geht darüber hinaus?

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