Festschrift 60 Jahre KZBV

38 Die Geschichte der Mundgesundheit in Deutschland ist über die Jahre auch zu einer Geschichte des wachsenden Kostendrucks geworden – daraus folgte ein Mehr an Regulierung und auch ein Mehr an Eigenverantwortung. Welche Idee der Eigenverantwortung hat die KZBV in den 60 Jahren ihres Bestehens entwickelt und geprägt? Die weit verbreitete ForderungAlles für allebestimmte lange den Diskurs und führte in letzter Konsequenz zu explodierenden Kosten. Allein in den Jahren 1960 bis 1986 stiegen die Gesundheitsausgaben in Deutschland um ein Vielfaches. Seither wird verhandelt: zwischen dem, was wünschenswert ist, und dem, was finanzierbar und verantwortbar ist. Ein Blick in die Geschichte der KZBV ist ein Blick auf die Auseinandersetzung mit Kosten- dämpfungs- und Reformgesetzen. Dabei ging es vor allem um Streichung von Leistungsansprüchen, Einschränkungen der Vertragsfreiheit, Standardisierungen, Reglementierungen. Das Schlimmste war die Einführung der Budgetierung im Jahr 1992: Leistungen zu festen Budgets. Das konnte uns nicht gefallen, denn Reglementierungen engen immer ein. Was uns als KZBV all die Jahre extrem wichtig war, ist die Absicherung der Freiberuflichkeit für Vertragszahnärzte: dass sie in gesicherten und berechenbaren Verhältnissen arbeiten können, die finanzierbar sind und bleiben. Sehen Sie, der Heil- beruf braucht Freiräume, um sich mit Bedacht auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten einzustellen: zwischen ethischen Ansprüchen und fachlicher Überzeugung – ohne dabei zu großen wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt zu sein. Anders geht das nicht. Dieser Aspekt zahnärztlichen Handelns ist allerdings mit der Zeit beinahe völlig verloren gegangen. Freiheit und Verantwortung – das sind aber zwei Seiten einer Medaille. Es gilt, gemeinsammit dem Patienten die für ihn beste Entscheidung zu treffen. Diese Freiräume benötigen wiederum ein vertrauensvolles Zahnarzt-Patienten-Verhältnis. Hat die Eigenverantwortung der Vertragsärzte eher Schaden genommen oder konnten Sie diese ausgestalten? Ein echter Durchbruch in der permanenten Verhandlung zwischen Need- und Want-Dentistry ist für uns unter anderem das Prophylaxe-Modell. Wir sind Präventions-Weltmeister: 70 Prozent der Deutschen gehen zweimal im Jahr zum Zahnarzt. Und sie wissen, dass sich das lohnt. Ein weiterer Erfolg sind die befund-orientierten Festzuschüsse, mit deren Durchsetzung wir im Jahr 2005 wieder zu mehr Honorargerechtigkeit gefunden haben. Ansonsten müssen wir zugestehen, dass die Entscheidungsfreiheit des Zahnarztes durch Reglementierungen und Kostendämpfungsgesetze zunehmend eingeschränkt worden ist, im gleichen Maße, wie die Kosten heute gesetzlich festgeschrieben sind: 90 Prozent der Leistungen sind aktuell im Preis definiert. Das führt zu Vereinfachung, das führt zu Mainstream, das führt auch zu Ökonomisierung. Eine solche Entwicklung können wir als KZBV, aber auch als Gesellschaft nicht begrüßen.

RkJQdWJsaXNoZXIy ODIwMTM=